MINI.STADT
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Joel Meyer und Madeleine Imbeck: Von Speuzchnebel, Schwiizerörgeli und feinen Klängen
Im ehemaligen Gasthaus St. Loreto in Lichtensteig wird bald wieder gearbeitet. Allerdings entstehen dort künftig keine Brote mehr, sondern Blockflöten. Joel Meyer und Madeleine Imbeck ziehen mit ihren beiden Kindern ins Städtli und richten in der ehemaligen Bäckerei ihre Werkstatt ein. Nach über zehn Jahren im Hemberg freuen sich die beiden auf etwas mehr Leben um sich herum, neue Bekanntschaften und genügend Platz für Familie und Handwerk.
Mit im Gepäck haben sie eine besondere Familiengeschichte. Denn der Blockflötenbau hat bei Meyerrecorders Tradition. Schon Joel Meyers Vater fertigte die Instrumente von Hand. Dass sein Sohn einmal in seine Fussstapfen treten würde, war allerdings alles andere als selbstverständlich. Und auch Madeleine hatte als Kind eigentlich ein ganz anderes Instrument im Kopf.
Von Speuzchnebel und Schwiizerörgeli
Aufgewachsen ist Joel Meyer in Gais, später lebte er am Bodensee und während sieben Jahren in Paris. Mit Musik hatte der heute 38-Jährige als Jugendlicher wenig am Hut. Seine Mutter sang und spielte Klavier, er selbst interessierte sich lieber für Sport und Velos. Blockflöten waren für ihn vor allem eines: Speuzchnebel!
«Dass ich einmal Blockflöten bauen würde, hätte ich früher nicht gedacht», erzählt Joel Meyer. Als er keinen passenden Studienplatz fand, stieg er mit rund 20 Jahren in die Werkstatt seines Vaters Ernst Meyer ein. Dort lernte er das Handwerk von Grund auf. Und musste zwangsläufig auch selbst Blockflöte spielen. Schliesslich muss jedes Instrument während der Herstellung immer wieder getestet werden. «Heute spiele ich fast täglich. Und mittlerweile mache ich es sogar gerne. Es kommt natürlich auch auf die Flöte an», meint er schmunzelnd.
Bei Madeleine Imbeck war es gerade umgekehrt. Die 40-Jährige wuchs in der Region Basel auf und wollte als Kind eigentlich Schwiizerörgeli spielen. Das war in Basel allerdings nicht ganz einfach. Also wurde es die Blockflöte. Als eine Musiklehrerin in ihrer Schule verschiedene Flöten vorstellte, war ihr Interesse geweckt. Ihre Freude an der Blockflöte blieb. Später entschied sie sich sogar für ein Musikstudium mit Hauptfach Blockflöte. «Besonders fasziniert mich, wie nah eine gute Blockflöte der menschlichen Stimme kommen kann», sagt sie mit Begeisterung.
«Eine gute Blockflöte kann die menschliche Stimme wunderbar imitieren. Bei industriell gefertigten Instrumenten ist das viel schwieriger.»
Madeleine Imbeck, Blockflötistin und Instrumentenbauerin
Schon als Jugendliche spielte Madeleine auf Instrumenten von Ernst Meyer (Joel Meyers Vater). Um 2003 begegneten sich die beiden erstmals in seiner Werkstatt, wo sie als Kundin vorbeikam. Richtig kennengelernt haben sie sich dann 2009 in Paris.
Holz bekommt eine Stimme
Heute führen Joel Meyer und Madeleine Imbeck die Werkstatt Meyerrecorders gemeinsam weiter. Joel Meyer hat das Handwerk von seinem Vater gelernt, Madeleine Imbeck kam über die Musik und ein Praktikum bei einem Blockflötenbauer in Bern dazu.
In der Werkstatt übernimmt Joel Meyer die meisten Arbeitsschritte. Madeleine Imbeck kümmert sich unter anderem um die Oberflächenbehandlung und die Administration. Ausserdem spielt sie die Instrumente, beurteilt ihren Klang und bringt ihre Erfahrung als Musikerin ein. Daneben unterrichtet sie Blockflöte an der Musikschule Toggenburg.
Und was macht eine Meyer-Blockflöte besonders? «Bei unseren Flöten ist der Windkanal anders gebaut. Die Luft hat mehr Platz, dadurch wird der Klang flexibler und dynamischer», erklärt Joel Meyer. Das ermöglicht einen volleren Klang und unterschiedliche Klangfarben. Auch das Problem, dass eine Blockflöte beim Spielen plötzlich «verstopft» und quietscht, tritt so seltener auf.
«Die Blockflöte hat viel mehr klangliche Möglichkeiten, als viele denken.»
Joel Meyer, Blockflötenbauer
Bis ein Instrument fertig ist, braucht es viel Erfahrung und ein gutes Gehör. Immer wieder werden die Flöten angespielt und nachbearbeitet, bis der Klang stimmt. Joel Meyer verbringt deshalb nicht nur viel Zeit an der Werkbank, sondern auch mit einer Blockflöte in der Hand.
Die Kundschaft kommt vor allem aus der Schweiz und Europa. Aber auch in den USA, Australien und Japan werden Meyer-Blockflöten gespielt. Gerade in Japan gibt es eine lebendige Szene für Barockmusik.
Ein neues Zuhause für Familie und Werkstatt
Über zehn Jahre lebten Joel Meyer und Madeleine Imbeck im Hemberg. Mit zwei kleinen Kindern wurde es im bisherigen Zuhause zunehmend eng. Zudem wird das Haus verkauft. Also machten sie sich auf die Suche nach einem neuen Ort zum Leben und Arbeiten.
«Wir haben vor allem etwas gesucht, das zu unseren Bedürfnissen passt. Und das haben wir in Lichtensteig gefunden», erzählt Joel Meyer. Besonders die lebendige Kultur- und Kunstszene des Städtlis hat die beiden angesprochen.
Auch die Räumlichkeiten im ehemaligen Gasthaus St. Loreto passen. Die Werkstatt kommt ins Untergeschoss, wo früher eine Bäckerei untergebracht war. Und das Beste daran? «Es hat Fenster und Tageslicht. Wir sitzen also nicht irgendwo in einem Loch», freut sich Madeleine Imbeck.
Die Werkstatt wird keine festen Öffnungszeiten haben. Wer sich für die Instrumente interessiert, kann aber einen Termin vereinbaren. Auch Führungen werden die beiden anbieten.
Mehr Leben im Städtli, und preisgekrönter Käse!
Dass Lichtensteig lebendiger ist als ihr bisheriger Wohnort, haben Joel Meyer und Madeleine Imbeck bereits festgestellt. «Wir möchten hier gerne andere Familien kennenlernen und uns auch musikalisch einbringen», erzählt Madeleine Imbeck. Vielleicht ergeben sich daraus einmal Konzerte mit ihrem Kammerorchester SäntisBarock. Und nicht zuletzt freuen sich die beiden sehr auf den Käse von Willi Schmid. «Und das so nah!», sagt Madeleine Imbeck strahlend.
«Lichtensteig hat eine lebendige Kultur- und Kunstszene. Das passt gut zu uns.»
Madeleine Imbeck, Blockflötistin und Instrumentenbauerin
Eine lustige Begegnung gab es bereits vor dem Umzug. Bei einer Führung für Mitglieder von Regierung und Kantonsrat erzählte Joel Meyer beiläufig, dass sie bald nach Lichtensteig ziehen würden. Einer der Teilnehmer wurde daraufhin plötzlich besonders hellhörig und wollte mehr wissen. Joel Meyer wunderte sich über das grosse Interesse. Bis sich herausstellte, dass er gerade mit dem Stadtpräsidenten von Lichtensteig sprach.
Wenn sie nicht gerade Blockflöten bauen oder unterrichten, zieht es Joel Meyer und Madeleine Imbeck gerne in die Natur. Skifahren, Mountainbiken, Pilze sammeln und Gärtnern gehören zu ihren liebsten Freizeitbeschäftigungen. Auch gutes Kochen darf nicht fehlen.
Für die Zukunft wünschen sich Joel Meyer und Madeleine Imbeck, dass sie sich in Lichtensteig gut einleben und ihr Handwerk weiterführen können.
Joel Meyer (38) wuchs in Gais und am Bodensee auf. Er lebte mehrere Jahre in Paris und erlernte den Blockflötenbau bei seinem Vater Ernst Meyer. Heute führt er gemeinsam mit Madeleine Imbeck die Werkstatt Meyerrecorders. Er ist Mitglied der Society of Ornamental Turners (Gesellschaft für Ornamentales Drechseln).
Madeleine Imbeck (40) wuchs in der Region Basel auf und studierte Blockflöte. Sie ist Instrumentenbauerin, Musikerin und Musiklehrerin. Neben ihrer Tätigkeit bei Meyerrecorders organisiert sie seit 2018 die Konzerte auf dem Hemberg, ist Gründerin und künstlerische Leiterin des Kammerorchesters SäntisBarock und unterrichtet an der Musikschule Toggenburg.
Weitere Informationen: www.meyerrecorders.swissExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet.
Text: Nadja Brändle, Stadtverwaltung Lichtensteig
Bilder: Joel Meyer & Madeleine Imbeck




