MINI.STADT
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Yannic Krüsi: 300 «Chrampferinnen und Chrampfer» – und einer behält den Überblick
Yannic, wie bist du selbst zu den Jazztagen gekommen?
Eigentlich durch Zufall. Ich war vor neun Jahren mit Kollegen auf einem Wanderwochenende im Appenzell. In der Bollenwees hat uns eine Frau aus Lichtensteig bedient. Ich habe mich mit ihr über die Jazztage unterhalten und sie hat erwähnt, dass sie noch jemanden fürs OK suchen. Ich habe mich danach tatsächlich gemeldet.
Warum?
Ich kannte die Jazztage vorher schon als Gast und fand sie immer ein Highlight. Für mich waren sie ein bisschen wie das Moon & Stars im Kleinformat: professionell organisiert, aber in einem kleineren und familiäreren Rahmen. Ich mag Musik, spiele seit klein auf Klavier und habe früher auch in einer Band gespielt. Da wollte ich gerne etwas beitragen.
Heute fasziniert mich vor allem, was alles hinter einem solchen Festival steckt. Das war mir vorher nicht bewusst. Gleichzeitig gab es im OK einige Wechsel und es sind jüngere Personen mit neuen Ideen dazugekommen. Ich fand es beeindruckend, wie gut die Gründungsmitglieder Verantwortung abgeben konnten. Sie haben uns machen lassen, standen uns aber jederzeit mit Rat und Tat zur Seite.
Du bist kurz und bündig «Chief Staff». Was steckt dahinter?
Viele erleben die Jazztage als drei unvergessliche Festivaltage. Was viele nicht sehen: Rund 300 Helferinnen und Helfer investieren ihre Freizeit, damit dieses Wochenende überhaupt möglich wird. Ich darf dieses Team koordinieren und bin grundsätzlich für alle Helferinnen und Helfer verantwortlich. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass genügend Leute im Einsatz sind – sei es an den Bars, der Foodstation, in der Logistik oder im Bauteam. Während des Festivals bin ich Ansprechperson für unsere Helferinnen und Helfer, koordiniere kurzfristige Änderungen und schaue, dass es allen gut geht.
Für uns im OK sind die Jazztage weit mehr als drei Festivaltage – sie sind zwölf Monate Gemeinschaft. Die Planung für das nächste Festival beginnt praktisch direkt nach dem Festival. Ich frage bestehende Helferinnen und Helfer sowie Vereine früh wieder an, plane und bestelle beispielsweise die «Chrampfer»-Shirts, die im Toggenburg produziert werden, und starte im Frühling intensiv mit der Helfersuche. Neue Helferinnen und Helfer sind bei uns übrigens das ganze Jahr über willkommen.
Ich arbeite daneben auch in anderen Projekten im OK mit. Wir sind ein 14-köpfiges OK-Team und entwickeln die Jazztage gemeinsam weiter. Besonders schätze ich, dass wir offen für neue Ideen sind und gleichzeitig auf die Erfahrung der langjährigen OK-Mitglieder zählen können.
2026 waren rund 300 Helferinnen und Helfer dabei. Wie organisiert man so viele Menschen?
Mir ist wichtig, dass sich unsere Helferinnen und Helfer gut aufgehoben fühlen. Hinter jedem Namen steht eine Person, die ihre Freizeit investiert, um die Jazztage möglich zu machen. Deshalb versuche ich, alles so gut wie möglich zu organisieren und trotzdem den persönlichen Kontakt zu pflegen. Eine gute Planung und ein übersichtliches System helfen dabei – aber am Ende geht es nicht um einen perfekten Einsatzplan, sondern darum, dass sich Menschen gerne engagieren und jedes Jahr wieder Teil der Jazztage sein möchten. Gleichzeitig ist mir wichtig, dass unsere Abläufe so dokumentiert sind, dass sie auch von jemand anderem im OK übernommen werden könnten.
Eine Herausforderung ist, dass nicht alle gleich kommunizieren möchten. Während die einen lieber per WhatsApp schreiben, bevorzugen andere E-Mail oder ein Telefonat. Das ist zwar aufwendiger, aber der persönliche Kontakt ist mir wichtig – schliesslich engagieren sich diese Menschen freiwillig für die Jazztage.
Und wo wird es für dich als Chief Staff so richtig knifflig?
Die grösste Herausforderung ist, die richtigen Personen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben. Bei einem Festival gibt es immer wieder kurzfristige Änderungen, auf die man flexibel reagieren muss. Da unsere Helferinnen und Helfer ihre Freizeit freiwillig investieren, ist das nicht selbstverständlich. Umso mehr beeindruckt mich jedes Jahr ihre grosse Hilfsbereitschaft und wie wir gemeinsam immer wieder gute Lösungen finden.
Jedes Jahr engagieren sich um die 300 Menschen für die Jazztage – das ist sehr beeindruckend!
Ja, ich finde es jedes Jahr sehr cool zu sehen, wie viele Leute Teil dieses Festivals sein wollen – gerade hier in unserer Region. Die meisten kommen aus dem Toggenburg. Wir bringen unglaublich viele Menschen zusammen.
Es kommen auch Leute zurück, die hier aufgewachsen sind oder sonst einen Bezug zum Toggenburg haben und inzwischen woanders leben. Dann sind sie für ein Wochenende wieder hier, als Gast oder als Helferin oder Helfer. Das ist sehr schön!
Für mich ist es etwas Besonderes, dass wir auf dem Land ein Festival mit so grossen Acts auf diesem Niveau durchführen können und gleichzeitig so vieles auf freiwilligem Engagement basiert. Auch Künstler sind immer wieder positiv überrascht: von der Kulisse, von der Betreuung oder vom Essen. Da gibt es durchaus Wow-Momente. Man spürt einfach, dass die Jazztage im Tal einen grossen Rückhalt haben.
Warum engagierst du dich jedes Jahr wieder?
Für mich sind die Jazztage viel mehr als ein Musikfestival. Es ist beeindruckend zu sehen, was möglich wird, wenn rund 300 Helferinnen und Helfer und das ganze OK freiwillig am gleichen Strick ziehen. Dieses Miteinander begeistert mich jedes Jahr aufs Neue. Es entstehen Freundschaften, man lernt neue Menschen kennen und erlebt das Festival aus einer Perspektive, die man als Gast nie hätte. Genau dieses Gemeinschaftsgefühl macht die Jazztage für mich so besonders und ist der Grund, warum ich mich jedes Jahr wieder engagiere.
Wird es trotzdem schwieriger, genügend «Chrampferinnen» und «Chrampfer» zu finden?
Ja, tendenziell schon. Wir haben viele langjährige Helferinnen und Helfer, und das ist ein grosses Privileg. Aber genügend Leute zu finden, ist jedes Jahr eine Herausforderung. Dieses Jahr habe ich einige Tage vor dem Festival noch die letzten Helferinnen und Helfer gefunden.
Woran liegt das?
Ich glaube, die Leute wollen sich heute weniger früh verpflichten. Das merken wir auch bei der Freiwilligenarbeit allgemein. In Lichtensteig gibt es aber schon fast einen Gegenpol dazu: Hier wollen nach wie vor sehr viele etwas unterstützen und mittragen.
Darum müssen wir den Leuten, die helfen, auch Sorge tragen. Die Vereine erhalten in der Festwirtschaft eine Umsatzbeteiligung, die Helferinnen und Helfer einen Festivalpass und Verpflegung. Einen eigentlichen Lohn können wir nicht bezahlen, aber das wird oft auch überhaupt nicht verlangt. Die Leute freuen sich, wenn sie einen Teil zum Erfolg vom “The little Big Festival” beitragen können.
Wer sind denn diese «Chrampferinnen» und «Chrampfer» eigentlich?
Das ist sehr gemischt. Viele kommen über Vereine, aber wir haben auch Einzelpersonen. Seit einigen Jahren kann man sich direkt bei uns über die Website anmelden, und das machen jedes Jahr etwa 40 Personen. Darunter sind viele Personen, die uns unterstützen möchten, aber nicht in einem Verein sind. Grundsätzlich versuchen wir für alle, die gerne mitarbeiten möchten, eine Möglichkeit zu finden. Auch vom Alter her sind unsere Chrampferinnen und Chrampfer sehr durchmischt.
Was macht eine gute Helferin oder einen guten Helfer aus?
Eigentlich braucht es gar nicht viel. Man muss weder Erfahrung mitbringen noch ein Profi sein. Viel wichtiger sind Freude daran, mitanzupacken, Offenheit und Teamgeist. Alles andere lernen wir gemeinsam. Viele kommen einmal und sagen danach: «Eigentlich wollte ich nur dieses Jahr helfen – und jetzt bin ich jedes Jahr wieder dabei.» Das zeigt, dass es bei den Jazztagen nicht nur um einen Einsatz geht, sondern darum, Teil eines besonderen Festivals zu werden.
Müsst ihr manchmal auch Leute wegschicken?
Genau, es gibt auch Grenzen. Wir mussten schon Leuten absagen, weil sie sich während eines Einsatzes nicht entsprechend verhalten haben, beispielsweise durch unangemessenes Verhalten oder übermässigen Alkoholkonsum. Da haben wir eine klare Linie. Unsere Helferinnen und Helfer sind auch Aushängeschilder der Jazztage, und es geht natürlich um die Sicherheit und darum, dass sich die anderen Helferinnen und Helfer wohlfühlen.
Welcher Einsatz ist am schwierigsten zu besetzen?
Die Logistik ist sicher nicht der beliebteste Job. Diese Leute sorgen für Nachschub und sammeln den Abfall ein. Gleichzeitig sind die Gassen voller Menschen und du musst irgendwie durchkommen. Das ist ein langer und strenger Einsatz, der nicht immer viel Wertschätzung bekommt. Wir haben zum Glück eine langjährige Truppe, aber neue Leute dafür zu finden, wäre schwierig.
Auch die Arbeiten an der Foodstation sind anspruchsvoll. Gerade an heissen Augusttagen ist diese Arbeit besonders anspruchsvoll. Und meistens kommen alle Gäste gleichzeitig. Die Geduld beim Anstehen ist teilweise auch kleiner geworden. Das macht es für die Leute hinter der Bar oder an der Foodstation nicht einfacher. Unsere Chrampferinnen und Chrampfer machen das aber sehr souverän.
Wenn du während der Jazztage für eine Stunde nicht Chief Staff wärst: Wo würden wir dich finden?
Wahrscheinlich im Elchzelt. Ich finde die Abwechslung zwischen dem KB-Zelt und dem Elchzelt mega cool! Das Elchzelt wird manchmal etwas unterschätzt. Dort spielen viele Nachwuchskünstlerinnen und -künstler, und ein paar Jahre später stehen sie plötzlich auf der grossen Bühne.
Hecht ist ein gutes Beispiel. Die haben vor einigen Jahren noch im Kronensaal vor etwa 80 Personen gespielt und heute füllen sie das Hallenstadion, das Letzigrund oder spielen auf anderen grossen Festivalbühnen. Ich finde es sehr cool, solche Entwicklungen zu sehen. Viele Künstlerinnen und Künstler kommen auch gerne zurück und schätzen, dass ihnen die Jazztage schon früh eine Plattform gegeben haben. Dazu passt auch unsere Wall of Fame an der Kalberhalle. Dort sieht man während dem ganzen Jahr, wer schon alles bei uns gespielt hat, und das sind nun doch schon sehr viele und bekannte Künstler. Genau solche Geschichten machen für mich den besonderen Charme der Jazztage aus.
Yannic Krüsi ist 30 Jahre alt und in Lichtensteig aufgewachsen. Seit 2021 lebt er in Stäfa, die Verbindung zu seinem Heimatort ist aber geblieben – nicht zuletzt durch die Jazztage. Seit acht Jahren gehört er zum Festival-Komitee und ist dort als Chief Staff für die rund 300 bis 350 Helferinnen und Helfer verantwortlich.
Zur Musik hat Yannic auch persönlich einen engen Bezug: Er spielt seit seiner Kindheit Klavier und war früher selbst Mitglied einer Band. Wenn gerade keine Jazztage anstehen, zieht es ihn statt vor die Bühne auch regelmässig unter Wasser. Zu seinen Hobbys gehört Freediving, am liebsten im Zürichsee. Sein Lieblingsact aus der langen Liste der Jazztage-Künstler: Patent Ochsner.
Text: Nadja Brändle
Bilder: Valentin Domgjon




