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Urs Widmer: Zwischen Laden, Wursten und langen Tagen
Für Urs Widmer ist die Metzgerei nicht einfach ein Arbeitsplatz gewesen. Sie war seit Kindheit Teil seines Lebens. Der 61-Jährige ist in Lichtensteig geboren, hier zur Schule gegangen und später nach Lehr- und Wanderjahren wieder zurückgekommen. Nach Stationen in Degersheim und Zürich absolvierte er 1990 die Meisterprüfung – mit einem schweizweit hervorragenden Resultat.
Viel Zeit zum Feiern blieb damals nicht. Im Familienbetrieb wurde Unterstützung gebraucht. «Alle packten fleissig mit an», sagt Urs Widmer rückblickend. 1997 übernahm er das Geschäft offiziell von seinem Vater – in vierter Generation. Ende Juli 2026 wird der Familienbetrieb eingestellt.
Ein Beruf, der früh beginnt
Der Alltag eines Metzgers beginnt früh – und endet oft spät. «Ein normaler Arbeitstag dauert bei mir oft rund 12 Stunden», erklärt Urs Widmer. Lange wurde in der Metzgerei noch selber geschlachtet, teilweise bis Ende letzten Jahres. Heute hat sich vieles verändert, einfacher geworden sei der Beruf deswegen nicht unbedingt.
«Ein normaler Arbeitstag dauert bei mir oft rund 12 Stunden.»
Urs Widmer, Inhaber der «Metzgerei Widmer»
Montags wird gewurstet, daneben laufen Bestellungen, Ladenbetrieb, Lieferungen und Büroarbeit. Dazu kommen Reinigung, Maschinenpflege und Organisation im Hintergrund. Vieles davon sehen Kundinnen und Kunden kaum. Besonders gerne arbeitet Urs Widmer bis heute im Laden. Der direkte Kontakt mit den Menschen sei ihm immer wichtig gewesen: «Das habe ich sehr gerne – die Kundschaft zu bedienen.» Viele seiner Stammkundinnen und -kunden gehören für ihn wie zum Freundeskreis. «Das wird mir sicher fehlen – all diese Begegnungen mit meinen Kundinnen und Kunden im Laden», sagt Urs Widmer mit Wehmut.
Viele verbinden die Metzgerei Widmer mit hochwertigen und feinen Produkten und kurzen Gesprächen über die Theke. Hinter all dem steckten unzählige Arbeitsstunden, oft sechs bis sieben Tage pro Woche.
Wandel im Sortiment
Auf die Frage, was sich denn über all diese Jahre verändert habe, seien es vor allem die Produkte. Früher wurden deutlich mehr klassische Fleischstücke und traditionelle Gerichte verkauft, heute dominieren oft Grillartikel oder einfachere Zubereitungen, die keine lange Vorbereitungszeit in der Küche erfordern. Manche Spezialitäten sind mehr oder fortwährend gefragt – etwa die beliebte Salsiccia oder der Bauernspeck. Andere Produkte verschwinden langsam aus dem Alltag. «Es werden nicht mehr dieselben Produkte nachgefragt», sagt Widmer über gewisse traditionelle Fleischstücke, wie Kutteln oder gespickter Braten.
«Es werden nicht mehr dieselben Produkte nachgefragt.»
Urs Widmer, Inhaber der «Metzgerei Widmer»
Gleichzeitig hat sich auch die Kundschaft verändert. Neben Laufkundschaft aus der Region belieferte die Metzgerei über viele Jahre Restaurants in Zürich und im Toggenburg. Das Geschäft entwickelte sich stetig weiter, blieb aber immer stark mit Lichtensteig verbunden. Die Metzgerei Widmer war auch oft an lokalen Anlässen mit einem Grillstand anzutreffen oder hat am «Worscht-Zischtig» ihre feinen Würste angeboten.
Verwurzelt in Lichtensteig
Trotz aller Veränderungen ist vieles geblieben: die Verbundenheit mit dem Ort, das Handwerk mit einem hochwertigen Lebensmittel und der persönliche Kontakt. Mit der Schliessung per Ende Juli 2026 verschwindet nicht einfach eine Metzgerei oder ein Ladenlokal. Es endet ein Familienbetrieb, der Generationen von Lichtensteigerinnen und Lichtensteigern begleitet hat – beim Einkauf fürs Wochenende, vor Festtagen oder ganz alltäglich zwischendurch. 148 Jahre lang gehörte die Metzgerei Widmer selbstverständlich zum Städtli. Für diesen langjährigen Einsatz, die Beständigkeit und die tägliche Arbeit gebührt Urs Widmer und seiner Familie grosse Wertschätzung.
Und was kommt jetzt?
Nach Jahrzehnten zwischen Laden, Produktion und langen Arbeitstagen beginnt für Urs Widmer nun ein neuer Alltag. Ganz ohne Pläne sei er allerdings nicht. Erst einmal freue er sich darauf, etwas mehr Zeit zu haben – für Wanderungen, Velotouren oder einen Besuch in der Badi. Dinge, die bisher oft zu kurz kamen. Eine seiner Lieblingstätigkeiten in der Metzgerei möchte er weiterhin machen: «Wursten – das werde ich nicht ganz aufgeben», meint Urs Widmer.
«Wursten – das werde ich nicht ganz aufgeben.»
Urs Widmer, Inhaber der «Metzgerei Widmer»
Urs Widmer ist in Lichtensteig geboren und aufgewachsen. Nach der Metzgerlehre und verschiedenen beruflichen Stationen übernahm er 1997 den Familienbetrieb. Die Metzgerei Widmer belieferte Kundschaft aus der Region sowie Gastronomiebetriebe. In seiner Freizeit geht der 61-Jährige gerne in die Badi, wandern oder Velofahren.
Schauen Sie noch vorbei!
Metzgerei Widmer
Hintergasse 3
9620 Lichtensteig
Tel. 071 988 15 07
widmer-metzg@thurweb.ch
Text & Bilder: Nadja Brändle




