MINI.STADT
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Anja Balmer: Die Oboe gibt den Ton an
Wer eine historische Oboe sucht, landet unter Umständen in Lichtensteig. Genauer gesagt am Giebelweg, in der Werkstatt von Anja Balmer. Ihre Kund:innen kommen mittlerweile nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus den angrenzenden Ländern und bleiben gern etwas länger im Städtli. Manchmal gehen Instrumente auf dem Postweg noch weiter, bis nach Amerika oder Australien.
Der Weg zur eigenen Werkstatt war keineswegs von Anfang an vorgezeichnet.
Von der Musik zum Handwerk
Aufgewachsen ist Anja Balmer in Wangen bei Dübendorf. Sie studierte Musik an der Zürcher Hochschule der Künste und vertiefte später an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel ihre Leidenschaft für historische Musik und die Barockoboe.
«Aber irgendwann wollte ich Instrumente nicht mehr nur spielen, sondern auch selber bauen», sagt Anja Balmer. Einfach war das nicht. Eine reguläre Ausbildung für den Bau historischer Oboen gibt es nicht. Man muss jemanden finden, der das Handwerk beherrscht und bereit ist, sein Wissen weiterzugeben. Diesen «Jemand» fand sie in Paul Hailperin, einem Instrumentenbauer im Schwarzwald. Während rund fünf Jahren lernte sie bei ihm, verbrachte regelmässig mehrere Tage in seinem Betrieb, übernahm schliesslich die gesamte Werkstatt und zügelte sie nach Lichtensteig. Und warum das Städtli? Das hat vor allem mit ihrer Familiengeschichte zu tun. Anja Balmers Mutter ist in Lichtensteig aufgewachsen. Die Grosseltern lebten in der Steigrüti. Das Städtli kannte sie also schon lange. Ende 2023 kaufte Anja Balmer das Haus mit Werkstatt am Giebelweg, renovierte es und zog im Juni 2024 mit der Werkstatt ein.
Eine Oboe braucht Zeit, und manchmal etwas Glück!
In ihrer Werkstatt entstehen historische Oboen und verwandte Doppelrohrblattinstrumente. Anja Balmer erklärt: «Anders als moderne Oboen mit ihren vielen Klappen werden die historischen Instrumente nach alten Vorbildern aus Museen oder Sammlungen gefertigt. Die Klangfarbe, die Rohrblätter, die Griffe und die Stimmtonhöhe unterscheiden sich von moderneren Instrumenten.»
«Es gefällt mir, dass ich mit meiner Arbeit eine Verbindung schaffen kann zwischen Kunsthandwerk und Musik.»
Anja Balmer, Oboistin und Oboenbauerin
Meist baut sie gleich mehrere Instrumente in kleinen Serien. So können Kund:innen verschiedene Oboen ausprobieren und jene auswählen, die am besten zu ihnen passt. «Manchmal stimmt die Chemie auf Anhieb, ‘auf den ersten Ton’ – wie bei der Partnersuche – manchmal dauert es etwas länger.» Bis eine Oboe fertig ist, braucht es Geduld. Zwischen den einzelnen Arbeitsschritten muss das Holz immer wieder ruhen. Rund ein halbes Jahr beträgt deshalb die Wartezeit für ein neues Instrument. Und manchmal gibt es Überraschungen. «Für ein neues Modell habe ich zunächst mal bewusst Holz von niedriger Qualität, also mit kleinen Unregelmässigkeiten, verwendet. Schliesslich sollte es erst einmal ein Prototyp werden.» Doch ausgerechnet dieser erste Versuch gelang so gut, dass sie heute selbst darauf spielt.
Werkbank, Musikschule oder Konzertbühne?
Einen ganz gewöhnlichen Arbeitsalltag gibt es bei Anja Balmer kaum. Anfang Woche unterrichtet sie häufig an Musikschulen, unter anderem in Dübendorf und Rapperswil-Jona. Dazwischen arbeitet sie in ihrer Werkstatt. Gegen Ende der Woche stehen oft Proben und Konzerte an, denn sie ist weiterhin als Oboistin tätig. Diese Mischung gefällt ihr. Sie meint: «Als Musikerin weiss ich, worauf es beim Spielen ankommt. Als Instrumentenbauerin kann ich selbst beeinflussen, wie ein Instrument klingt und sich anfühlt. Als Lehrerin kann ich meine Begeisterung für die Oboe weitergeben.»
Möchte sie denn auch mal das Wissen fürs Instrumentenbauen weitergeben? Sie bejaht. «Das kann ich mir durchaus irgendwann vorstellen.» Erste Anfragen für Praktika hat sie bereits erhalten. «Vorerst möchte ich aber selbst noch mehr Erfahrung mit meiner eigenen Werkstatt sammeln.» Der historische Oboenbau ist immer noch eine eher kleine Nische. «Wichtig ist mir der Austausch mit ganz verschiedenen Menschen. Nicht nur Berufsmusiker, auch Amateure finden den Weg nach Lichtensteig.»
Historisches Handwerk meets historisches Städtli
Dass ihre Werkstatt ausgerechnet in Lichtensteig steht, passt für Anja Balmer auch «atmosphärisch». «Ich mag das mittelalterliche Flair und die vielfältige Handwerks- und Künstlerszene. Die Zusammenarbeit mit anderen Handwerkern, etwa mit Elias Graf im Stadtufer, der für mich bereits spezielle Werkzeuge angefertigt hat, schätze ich sehr.»
Wer für ein Instrument von weit her anreist, entdeckt nebenbei auch Lichtensteig. Anja Balmer findet stimmig, dass historische Instrumente im malerischen mittelalterlichen Städtli entstehen.
Viel Freizeit bleibt bei ihren drei beruflichen Standbeinen nicht. «Wenn ich doch mal einige Stunden für mich habe, zieht es mich in die Natur. Ich wandere gerne, gärtnere und baue eigenes Gemüse an», sagt Anja Balmer.
Anja Balmer, 1981, ist Oboistin, Musiklehrerin und Instrumentenbauerin. Sie wuchs in Wangen bei Dübendorf auf und studierte an der Zürcher Hochschule der Künste sowie an der Schola Cantorum Basiliensis. Sie lebt in Zürich. Den historischen Oboenbau erlernte sie bei Paul Hailperin im Schwarzwald. Seit 2024 betreibt sie ihre eigene Werkstatt «Balmeroboen» am Giebelweg in Lichtensteig. Neben dem Instrumentenbau unterrichtet sie Oboe und ist als Musikerin in verschiedenen Ensembles tätig.
Weitere Informationen: www.balmeroboen.chExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet.
Text: Nadja Brändle, Stadtverwaltung Lichtensteig
Bilder: Anja Balmer




